Soziale Arbeit

Etwas bewegen und die Welt besser machen

Auf eine Tafel sind verschiedene beschriftete bunte Zettel geheftet.
Foto: Bundesagentur für Arbeit / Patricia Leitao

Sozialarbeiter/-innen gehen dorthin, wo es soziale Probleme gibt und versuchen, diese zu lösen, zu lindern oder gar zu verhindern. Soziale Arbeit bedeutet also, sich für andere einzusetzen. Gefragt sind Geduld und Beharrlichkeit – und ein abgeschlossenes Studium. Die Studiengänge in diesem Bereich legen ganz unterschiedliche Schwerpunkte und führen in verschiedene Bereiche der Sozialen Arbeit.

Martin Winkler (27) studiert im vierten Semester Soziale Arbeit an der Hochschule Mittweida in Sachsen. Nach einer Ausbildung zum Mechatroniker absolvierte er sein Abitur. Weil er später mit Menschen arbeiten wollte, entschied er sich, Soziale Arbeit zu studieren. „Ich habe noch vor dem Schulabschluss angefangen, ehrenamtlich in Jugendclubs zu arbeiten“, erzählt er. Diese Erfahrungen erweiterte er ab dem ersten Hochschulsemester mit einem Ehrenamt in einem Theaterprojekt mit Migranten.

Praxis als wichtiger Bestandteil des Studiums

Foto von Martin Winkler im Anzug.
Martin Winkler | Foto: Privat

Im ersten und zweiten Semester vermittelt das Studium Methoden und Grundlagen für die vier Lebensalter: Kindheit, Jugend, Erwachsenenzeit und Alter. Weitere Lehrinhalte sind Sozialpolitik, rechtliche Grundlagen, sowie Einblicke in die Struktur von sozialen Institutionen und Trägern. Für das dritte Semester ist ein Pflichtpraktikum vorgesehen, das Martin Winkler in der Streetwork-Arbeit in Chemnitz absolvierte. „Im vierten Semester konnten wir außerdem eines von vier Forschungsprojekten wählen, um an das wissenschaftliche Arbeiten herangeführt zu werden“, erklärt er. An diesem Projekt arbeitet er gerade: Zusammen mit Kommiliton(inn)en möchte er untersuchen, wie Kinder mit dem Tod von nahen Angehörigen umgehen. Dazu sind unter anderem Interviews mit Hospizmitarbeiter/-innen geplant.

Seit dem ersten Semester engagiert sich Martin Winkler in der Fachschaftsarbeit und im Fakultätsrat: „Hier habe ich viele Erfahrungen in der Gremienarbeit gemacht, die mir in meinem späteren Beruf helfen werden“, ist sich der Student sicher. Nach dem Abschluss möchte er gerne in die Jugendarbeit gehen oder weiter studieren: „Ich kann mir sogar ein Lehramtsstudium vorstellen“, sagt er.

Studienmöglichkeiten vor allem an FHs

Foto von Kurt Neuhaus
Kurt Neuhaus, Berufsberater der Agentur für Arbeit Berlin | Foto: Privat

„Wer sich für Soziale Arbeit entscheidet, will meist etwas bewegen, die Welt verändern und sie ein wenig besser machen“, weiß Kurt Neuhaus, Berufsberater der Agentur für Arbeit Berlin. „Bei der Arbeit darf man sich für nichts zu schade sein und muss die Fähigkeit haben, nicht nachzulassen und immer wieder nachzubohren. Wer Menschen mit Problemen handfest vor Ort helfen möchte, auch wenn die Hilfe nicht sofort wirkt, braucht das Zeug dazu.“

Um als Sozialarbeiter/-in tätig zu sein, benötigt man außerdem ein abgeschlossenes Studium inklusive einer staatlichen Anerkennung. Passende Studiengänge werden vor allem an Fachhochschulen, dualen Hochschulen und Berufsakademien angeboten, vereinzelt auch an Universitäten. Die staatliche Anerkennung kann erst nach einem Studium beantragt werden. Dafür sind außerdem sind praktische Erfahrungen nötig.

Im Bachelorstudium werden zuerst die Grundlagen aus Erziehungswissenschaften, Soziologie, Psychologie, Rechts- und Politikwissenschaft vermittelt „Das Studium ist sehr abwechslungsreich und bietet viele Optionen“ erklärt Kurt Neuhaus. Er gibt aber auch zu bedenken, dass man sich vertiefte Kenntnisse oft über die Praxis aneignen muss. An allen Fachhochschulen sind deshalb Praktika Pflicht, etwa in Form eines Praxissemesters.

Frühzeitig einen Schwerpunkt setzen

Im späteren Studienverlauf ist oft eine Spezialisierung auf einen bestimmten Einsatzbereich der Sozialen Arbeit möglich, beispielsweise Kinder- und Jugendhilfe, Migration oder Strafvollzug (siehe Übersicht). Im Berufsleben ist es wichtig, sich in einem Bereich fundiert auszukennen, denn man hat immer mit Fachleuten zu tun, beispielsweise mit Psycholog(inn)en oder Ärzt(inn)en. Will man etwas erreichen, sollte man im jeweiligen Fachgebiet und in der Fachsprache fit sein. „Spätestens mit dem Pflichtpraktikum, das zum Beispiel im fünften Semester zu absolvieren ist, sollte man sich deshalb für einen Schwerpunkt entschieden haben“, erklärt Kurt Neuhaus.

Projektarbeit oder Arbeitsplatzsicherheit

Der Arbeitsmarkt in der Sozialen Arbeit hat sich in den vergangenen Jahren laut dem Bericht „Blickpunkt Arbeitsmarkt“ der Bundesagentur für Arbeit gut entwickelt. Die Arbeitslosenquote ist relativ gering. Allerdings muss man bedenken, dass viele Stellen im sozialen Bereich befristet sind. Vor allem Kirchen, Träger der freien Wohlfahrspflege sowie andere gemeinnützige oder private Träger bieten nur befristete Arbeitsverträge an, weil sie projektorientiert aktiv sind. Projekte werden zum Beispiel von Kommunen oder staatlichen Einrichtungen ausgeschrieben, und der Träger, der den Zuschlag bekommt, kann Fachkräfte für einen bestimmten Zeitraum anstellen, meist zwei bis drei Jahre. Die Befristung trifft aber nicht auf alle Stellen in diesem Bereich zu. Wer zum Beispiel im öffentlichen Dienst arbeitet, hat eine relativ sichere Stelle mit einem tariflich geregelten Gehalt. Auch in der Wohlfahrtspflege gibt es oft tarifliche Vereinbarungen.

Studienreportage: Praxis und Theorie verbinden

Maria Reppenhagen (22) studiert im vierten Semester „Soziale Arbeit“ an der Alice Salomon Hochschule in Berlin: „Ich wollte etwas studieren, bei dem ich nicht nur für mich selbst lerne, sondern bei dem auch andere von meinem Wissen profitieren.“

Maria Reppenhagen hat sich bewusst für das Studium an der Berliner Hochschule entschieden, da Berlin viele interessante soziale Projekte bietet und sich Praxis und Studium so gut vereinen lassen. „Viele Lehrende kommen aus der Praxis und ziehen immer wieder Parallelen zu ihrem beruflichen Arbeitsfeld“, erzählt die Studentin. „Die Seminare und Vorlesungen sind sehr vielfältig gestaltet und beinhalten immer auch aktuelle Themen.“

Inhalte in die Praxis umsetzen

Maria Reppenhagen in einer Bibliothek.
Maria Reppenhagen | Foto: Privat

In sieben Semestern wird die Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit über Vorlesungen und darauf aufbauende Seminare vermittelt. Die Lehrinhalte stammen unter anderem aus den Bereichen Recht, Psychologie, Pädagogik und Soziologie. An der Alice Salomon Hochschule beginnt ab dem 4. Semester das erste von zwei Projektmodulen, in dem die Studierenden ein Thema oder eine Fragestellung aus einem Bereich ihrer Wahl intensiv bearbeiten. Im besten Fall absolvieren die Studierenden ihr Praktikum, das für das 5. Semester vorgesehen ist, in demselben Bereich. Maria Reppenhagen möchte für ihr Praxissemester ins Ausland gehen: „Wir erhalten an unserer Hochschule dabei viel Unterstützung“, erzählt sie.

Später möchte die Studentin im Bereich der Erwachsenenbildung arbeiten und kann sich gut eine beratende Tätigkeit vorstellen. Vorher aber möchte sie einen Master machen, um sich weiter auf dem Gebiet zu spezialisieren.

Studienreportage: Sozial arbeiten und studieren

Simone Blümel (26) studiert im Master „Soziale Arbeit“ und arbeitet parallel halbtags als Sozialarbeiterin. Mit ihrem praxisorientierten Studium erweitert sie ihre beruflichen Perspektiven.

Foto von Simone Blümel
Simone Blümel | Foto: Privat

Simone Blümel hat sich für den Studiengang entschieden, weil sie sich für Menschen einsetzen möchte, die aus eigenem Antrieb ihr Leben nicht selbständig und eigenständig bewältigen können. „Ich sehe mich als Werkzeug. Ich kann helfen, die Situation eines anderen zu verbessern. Das vermittelt auch die Lehre in unserem Studium“, erklärt sie.

Simone Blümel studiert den Masterstudiengang an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Holzminden (HAWK). Das Fach ist so angelegt, dass es berufsbegleitend studiert werden kann. „Das Studium ist immer auch praxisbezogen. Da wir fast alle arbeiten, können wir unsere Erfahrungen in das Studium einfließen lassen. Und andersherum setzen wir theoretische Inhalte aus dem Studium direkt in unserer praktischen Arbeit um“, erzählt sie.

Die Masterstudentin arbeitet in einer Autismus-Ambulanz für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. In Einzelkontakten begleitet Simone Blümel ihre Klienten individuell in allen Belangen ihres Lebens, etwa in ihrem sozialen Umfeld und in Berufs- und Ausbildungsfragen.

Nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr und ihrem Abitur absolvierte sie eine Ausbildung als Heilerziehungspflegerin. Direkt im Anschluss ging sie an die HAWK in Holzminden und erwarb dort einen Bachelorabschluss in Sozialer Arbeit. Damit bekam sie die Stelle in der Autismus-Ambulanz. Um ihre Karrierechancen auszubauen, schloss sie das Masterstudium an. Das zum Studium gehörende Praktikum bleibt Simone Blümel erlassen, weil sie parallel zum Studium bereits als Sozialarbeiterin tätig ist.

Soziale Arbeit im ländlichen Raum

Der Schwerpunkt des Studienganges liegt auf den sozialen Entwicklungen und Bedürfnissen im ländlichen Raum. „Wir beschäftigen uns mit Fragen wie: Wie ist die Infrastruktur? Wo liegen Schwerpunkte? Wo ist weiterer Bedarf?“, erklärt Simone Blümel. In Praxisprojekten machen die Studierenden eigene Erhebungen und Stadtteilbegehungen. „So können wir feststellen, was dort jeweils wichtig ist und was fehlt“, erläutert die Studentin.

Die ersten beiden Semester waren den theoretischen Grundlagen gewidmet. Das dritte Semester galt schwerpunktmäßig der Forschung. Die Studierenden mussten sich in Kleingruppen einem Thema zuwenden, eine eigene Forschungsarbeit durchführen und diese analysieren. Auch Führungskompetenzen und Personalplanung wurden geschult. Das vierte Semester ist grundsätzlich der Masterarbeit vorbehalten, aber da Simone Blümel berufsbegleitend studiert, wird sie ihr Studium erst im fünften Semester abschließen.

Nach dem Abschluss möchte sie erst einmal in der Autismus-Ambulanz weiterarbeiten: „Mir gefällt die Arbeit hier sehr. Und wenn ich genug Erfahrung gesammelt habe, kann ich mir gut vorstellen, in einer Führungsposition tätig zu werden.“

Interview: Konflikte muss man aushalten können

Michael Leinenbach, Vorsitzender des Deutschen Berufsverbandes für Soziale Arbeit, erklärt im Interview, was Soziale Arbeit ausmacht und welche Eigenschaften dafür notwendig sind.

studienwahl.de: Herr Leinenbach, was ist „Soziale Arbeit“ eigentlich?

Foto von Michael Leinenbach.

Michael Leinenbach: Soziale Arbeit ist eine angewandte Wissenschaft. Sie ist ein Oberbegriff für Sozialarbeit und Sozialpädagogik - zwei Begriffe, die allerdings der Vergangenheit angehören. Es gibt zwar noch Hochschulen, die Sozialpädagogik als Studiengang anbieten, aber nur als Handlungsfeld innerhalb der Sozialen Arbeit. Für mich ist Soziale Arbeit außerdem ein politischer Prozess. Wer Soziale Arbeit macht, fördert sozialen Wandel und handelt politisch. Politik ist konkretes Handeln zum Wohle der Menschen. Wenn ich beispielsweise einer älteren Dame ermögliche, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, ist das ein politischer Prozess.

studienwahl.de: Mit welchen Methoden arbeiten Absolvent(inn)en im Job?

Michael Leinenbach: Es gibt drei klassische Methoden: Einzelfallhilfe, Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit. Zur Gruppenarbeit zählt die Arbeit im Team oder in Familien, bei der Gemeinwesenarbeit geht es beispielsweise um den Sozialen Raum.

studienwahl.de: Welche Eigenschaften braucht man für die Soziale Arbeit?

Michael Leinenbach: Sozialarbeiter/-innen sollten ein positives Menschenbild haben und die Menschenrechte anerkennen. Sie sollten Spaß daran haben, mit Menschen zusammen zu arbeiten. Konflikte aushalten zu können ist eine weitere Grundvoraussetzung, denn Sozialarbeiter/-innen sind in einer Welt tätig, in der es ganz viele Konflikte gibt. Auch ganz wichtig: Man muss Veränderungen zulassen können!

studienwahl.de: Warum sind viele Stellen befristet?

Michael Leinenbach: Feste Stellen gibt es dort, wo sie per Gesetz festgeschrieben sind, beispielsweise bei kommunalen Trägern wie Jugendämtern. Vieles aber versucht der Staat über Projekte zu regeln, die nach zwei oder drei Jahren auslaufen. Dort sind die Stellen befristet.  Zurzeit gibt es viele offenen Stellen in der Sozialen Arbeit, es fehlt der Nachwuchs.

Übersicht: Vielfältige Einsatzbereiche

Kinder- und Jugendhilfe

Das größte Handlungsfeld von Sozialarbeiter/-innen sind traditionell soziale Dienste für Kinder, Jugendliche und deren Familien. Ziel der „Sozialen Arbeit“ ist hier in erster Linie der Schutz von Kindern und Jugendlichen und die Förderung ihrer Entwicklung zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten. Die Lebenssituation und Lebensumstände der Kinder und Jugendlichen sollen verbessert werden. Einsatzfelder sind unter anderem: Jugendämter, Familienberatungsstellen, Schulsozialarbeit, Wohngemeinschaften und -heime, Kinderschutzzentren sowie Frauenhäuser.

Altenarbeit / Altenhilfe

In der Altenarbeit leistet die Soziale Arbeit einen Beitrag zur Aufrechterhaltung selbstbestimmten Lebens, auch bei Pflegebedarf. Wichtig sind hier die Auseinandersetzung und die Kooperation mit anderen Sozial- und Gesundheitsberufen wie der Gesundheits- und Krankenpflege.

Drogen- und Suchthilfe

Die Drogen- und Suchthilfe ist ein Arbeitsfeld mit den Fachgebieten Suchtprävention, Suchtberatung und Suchttherapie. Soziale Arbeit bietet Angebote wie die Vermittlung von materiellen Hilfen, Familienarbeit, Wohnungslosenhilfe und Gemeinwesenarbeit an.

Internationale Soziale Arbeit

Soziale Arbeit findet auch in internationalen Organisationen bzw. in im Ausland tätigen Institutionen statt. Arbeitsfelder sind Migration, interkulturelle Bildung, Entwicklungsdienste, Flüchtlingslager, Friedensdienste, Aufbauarbeit, Katastropheneinsätze, Steuerung und Planung in NGOs sowie Entwicklungszusammenarbeit.

Migration / Interkulturelle Pädagogik

Wesentliches Ziel im Feld der Migration ist es, in Deutschland lebende Menschen mit ausländischer Staatsbürgerschaft (Flüchtlinge, Asylwerber/-innen, Gastarbeiter/-innen, offiziell geduldete Personen, sowie deren Familienangehörige) zu beraten und ihnen zu helfen, insbesondere bei der Integration.

Strafvollzug / Straffälligenhilfe / Kriminologie

Konkrete Einsatzfelder finden sich in der Jugendgerichtshilfe, Bewährungshilfe, im Sozialen Dienst in Justizanstalten und auch in Haftentlassungshilfen.

Weitere Informationen

abi>>

studium > Was studieren?
www.abi.de/studium/studiengaenge.htm

berufsfeld-info.de

Berufswelt Studium „Sozialarbeit und Betreung“
www.berufsfeld-info.de/abi/sozialwesen-religion/sozialarbeit-und-betreuung

Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit

socialnet. Das Netz für die Sozialwirtschaft

Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit e.V.

Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim / Holzminden / Göttingen

Alice Salomon Hochschule Berlin

Hochschule Mittweida