Hilfe und Unterstützung

Studieren mit Handicap? Nur Mut!

Zwei Frauen unterhalten sich in Gebärdensprache.
Foto: Helge Gerischer

Behinderungen oder chronische Krankheiten sind zwar eine große Herausforderung, aber nur selten ein echter Hinderungsgrund für ein Studium. Es gibt fast immer Wege, auch mit körperlichen oder gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu studieren – auch wenn diese mit einem organisatorischen Mehraufwand verbunden sind. Beratung und Unterstützung sollte deshalb jede/-r betroffene Studierende in Anspruch nehmen.

Ursprünglich wollte Martin Weiß* Medizin studieren. Seine Noten reichten allerdings nicht für einen sofortigen Studienbeginn nach dem Abitur aus, daher machte er erst einmal eine Ausbildung zum Rettungsassistenten. Mit 26 Jahren erhielt Martin Weiß dann aber die Diagnose Morbus Crohn – eine chronisch entzündliche Darmerkrankung, die ihn schubweise immer wieder für mehrere Tage oder Wochen ans Bett fesselt oder sogar Krankenhausaufenthalte nötig macht. „Damit war mein Traum von der Medizin gestorben, weil solch ein Studium einfach sehr lange dauert und sich durch die Krankheit noch viel mehr in die Länge gezogen hätte“, erinnert sich der 33-Jährige.

Er entschied sich stattdessen, Lehrer an einer berufsbildenden Schule zu werden und bewarb sich für den Studiengang Gesundheitswissenschaften an der Universität Osnabrück. Aufgrund seiner Krankheit erhielt er über einen Härtefallantrag trotz Zulassungsbeschränkung direkt die Zusage zum Studium. Derzeit studiert Martin Weiß im neunten Semester. „Etwa die Hälfte der Zeit konnte ich bislang die Vorlesungen besuchen, die andere Hälfte musste ich durch Krankheitsschübe ausfallen lassen.“ Da er nie weiß, wann er einsatzfähig ist, stellte er einen Antrag auf Nachteilsausgleich. Nun darf er statt der Klausuren Hausarbeiten abgeben und kann daran arbeiten, wenn es ihm gut geht.

Seine Umwelt reagierte anfangs skeptisch. „Viele haben einfach nicht verstanden, woran ich leide, weil meine Krankheit nach außen, vor allem wenn es mir gut geht, nicht zu sehen ist“. Auch als er nicht an den Gruppenarbeiten teilnahm, dachten seine Kommiliton(inn)en wohl, er wolle sich davor drücken. „Dabei wollte ich ihnen nur die Mehrarbeit ersparen wenn ich ausfalle.“ Mittlerweile hat Martin Weiß viele verständnisvolle Mitstudierende gefunden, die ihm unter anderem die Kursunterlagen zur Verfügung stellen, wenn er wieder einmal nicht an Vorlesungen teilnehmen konnte. Seinen ursprünglichen Wunsch, Lehrer zu werden, verfolgt Martin Weiß mittlerweile nicht mehr. „Ich könnte den Unterricht nicht zuverlässig abhalten.“ Stattdessen plant er, nach seinem Studienabschluss bei einer Kranken- oder Rentenversicherung zu arbeiten.

* Name von der Redaktion geändert

Lösungen für jeden Fall

Sieben Prozent aller Studierenden in Deutschland sind körperlich oder gesundheitlich beeinträchtigt. Das geht aus der 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks hervor. Vielen von ihnen sieht man ihr Handicap, wie bei Martin Weiß, nicht an. Bei 42 Prozent der beeinträchtigten Studierenden wirkt sich eine psychische Erkrankung, bei sechs Prozent eine Teilleistungsstörung wie ADHS oder Legasthenie erschwerend auf das Studium aus. Andere studieren mit Seh-, Hör- oder Gehbehinderung. Ein Studienalltag, wie ihn ein Großteil der Studierenden kennt, ist mit diesen Beeinträchtigungen oft nicht möglich. Im Schnitt sind betroffene Studierende ein Semester länger an der Hochschule als ihre Kommiliton(inn)en ohne Behinderung oder chronischer Erkrankung.

Für jedes Handicap gibt es jedoch Wege, die ein Studium ermöglichen. Nachteilsausgleiche können ganz unterschiedlich aussehen. Julia Ilg, Beauftragte für Studierende mit Behinderung oder chronischer Erkrankung an der Hochschule Rhein-Waal in Kleve, nennt Beispiele für solche Nachteilsausgleiche: „Bei Legastheniker(inne)n können Rechtschreibfehler weniger streng bewertet werden. Oder es werden den Prüflingen längere Pausen eingeräumt.“ Für Hausarbeiten können zum Beispiel die Abgabefristen verlängert werden. „Die Lösungen sind so individuell wie die Beeinträchtigungen der Studierenden“, sagt Julia Ilg. Je konkreter der Bedarf durch ein ärztliches Gutachten beschrieben wird, umso besser. Das Prüfungsamt muss außerdem den Nachteilsausgleichen zustimmen, daher ist es wichtig, die Anträge frühzeitig zu stellen. Die Beauftragten für Studierende mit Behinderung oder chronischer Erkrankung, die es an fast jeder Hochschule gibt, helfen dabei.

Wer Unterstützung braucht, sollte sie einfordern

Wie offen Studierende mit ihren Einschränkungen umgehen, ist jedem selbst überlassen. „Aber wer Hilfen braucht, sollte sich nicht schämen, sie auch einzufordern“, so Julia Ilgs Rat. „Viele machen den Fehler, sich zu überschätzen, und sind dann frustriert, wenn es nicht so glatt läuft, wie sie es erwartet haben.“ Gerade einmal ein Viertel der Betroffenen nutzt die Beratungsangebote, ergab eine Umfrage des Deutschen Studentenwerks. Vor allem Studierende mit leichteren oder nicht sofort sichtbaren Beeinträchtigungen trauen sich oft nicht, Hilfen einzufordern und anzunehmen.

Auch Dieter Böttcher, Berater im Team Akademische Berufe bei der Agentur für Arbeit Köln, empfiehlt, sich schon früh über Hilfsangebote zu informieren und sich beraten zu lassen. Außer den Berater(inne)n der Agenturen für Arbeit und den Behindertenbeauftragten der Hochschulen seien die Fachbereichsberatungen eine gute Anlaufstelle, so Böttcher, „denn die wissen am besten, wie ein Studiengang abläuft“. Auch ein Besuch der Hochschule vor Aufnahme des Studiums ist sinnvoll, um sich die Situation vor Ort anzusehen: Wie weit liegen die Hörsäle auseinander? Sind die Wege barrierefrei? Gibt es speziell ausgestattete PC-Arbeitsplätze für blinde oder sehbeeinträchtigte Studierende?

Allerdings betont der Berater auch: „Bei der Wahl des Studiengangs sollte man sich – wie alle anderen Studieninteressierten ohne Beeinträchtigungen auch – als allererstes an seinen Interessen, Neigungen und Fähigkeiten orientieren und nicht von Vornherein ein Fach ausschließen. Wenn jemand einen bestimmten Studiengang absolvieren will, finden sich dafür auch Lösungen.“

Interview: Gleiche Chancen für alle

Das kombabb-Kompetenzzentrum NRW ist eine Informations- und Beratungsstelle für Studierende oder Studieninteressierte mit Behinderung oder chronischer Erkrankung. Im Gespräch mit studienwahl.de erklärt Christiane Schneider, Leiterin des Kompetenzzentrums, welche Hilfeleistungen es gibt und wer sie in Anspruch nehmen darf.

studienwahl.de: Welche Hilfsleistungen können Studierende mit Behinderung und/oder chronischer Erkrankung in Anspruch nehmen?

Foto von Christiane Schneider.

Christiane Schneider: Wenn es für Betroffene unzumutbar ist, auf einen Studienplatz zu warten, etwa weil eine Behinderung fortschreitet, kann er/sie einen Härtefallantrag stellen, mit dem er/sie unmittelbar zum Studium zugelassen wird. Allerdings vergeben Hochschulen nur rund zwei Prozent ihrer Studienplätze über diesen Weg, daher gibt es auch mit Härtefallantrag keine Garantie für einen Studienplatz.

Über die Eingliederungshilfe können, zum Beispiel Assistent(inn)en finanziert werden, die für Studierende während der Vorlesungen mitschreiben oder bei Bibliotheksrecherchen unterstützen. Und man kann Nachteilsausgleiche beantragen. Dabei geht es nicht darum, Vorteile zu erzielen, sondern Betroffene sollen mit den gleichen Chancen studieren können wie ihre Kommiliton(inn)en. Beispiele für Nachteilsausgleiche können mündliche statt schriftliche Prüfungen sein oder mehr Zeit für eine Klausur.

studienwahl.de: Wer ist berechtigt, solche Leistungen in Anspruch zu nehmen?

Christiane Schneider: Jede/-r, der/die durch eine Behinderung oder eine chronische Erkrankung Nachteile hat. Ein/-e Facharzt/-ärztin muss den Bedarf belegen und sollte direkt ins Attest schreiben, was geeignet ist, um die Nachteile für den/die Studierende/-n auszugleichen.

studienwahl.de: Warum wollen manche Studierende die Hilfsleistungen nicht beantragen?

Christiane Schneider: Viele müssen erstmal selber erkennen, dass sie zur Zielgruppe gehören. Und dann ist es oft nicht leicht, vor anderen über seine Krankheit zu sprechen, vor allem, wenn sie nicht sichtbar ist. Es gibt noch immer viele Vorurteile, etwa gegenüber psychisch Kranken. Das macht es nicht immer einfach, offen mit dem Thema umzugehen.

Studieren mit einer Teilleistungsstörung: Zahlen statt Texte

Eine Hand schreibt mit Kreide matheamtische Formeln auf eine Tafel.
Foto: Katharina Kemme

Jakob Schroeder ist Legastheniker, hat also eine Lese- und Rechtschreibschwäche. Trotzdem hat er in zwölf Schuljahren problemlos das Abitur geschafft, und studiert nun Bauingenieurwesen.

„Meine Eltern haben studiert, mein Vater ist sogar Professor – da war es für mich selbstverständlich, dass ich auch studieren würde“, sagt Jakob Schroeder. Er hat weitere Geschwister mit einer Lese- und Rechtschreibschwäche, die erfolgreich ein Studium absolviert haben. „Von ihren Erfahrungen konnte ich profitieren.“ Die Immatrikulation ins Studium war für den 19-Jährigen kein Problem, denn es gab keinerlei Aufnahmeverfahren oder Tests. Das erste Semester seines Bauingenieurstudiums an der Universität Stuttgart lief gut, der Student besuchte vor allem mathematische Vorlesungen. „Ich habe mir bewusst einen technischen Studiengang ausgesucht, weil man dabei weniger mit Sprache und mehr mit Zahlen zu tun hat“, so Jakob Schroeder, der jetzt ins zweite Semester kommt. „Nun bin ich gespannt, wie die Professoren in den anderen Fächern auf meine Klausuren reagieren werden.“

Einen Text ohne Fehler zu schreiben, ist für ihn fast unmöglich, und lesen kann Jakob Schroeder nur langsam, vor allem lange Texte. „Soweit es geht, lasse ich mir Texte von einer Computersoftware vorlesen, damit komme ich viel schneller voran. Zum Glück stellen die meisten Professoren ihre Skripte nach der Vorlesung als elektronische Dateien zur Verfügung.“ Seine Schwester hat während ihres Studiums einen Assistenten zur Verfügung gestellt bekommen, der ihr einmal in der Woche längere Texte vorgelesen hat.

Nachteilsausgleich als Option

Foto von Jakob Schroeder.
Jakob Schroeder | Foto: Privat

Sollte es bei Klausuren mit viel Textanteil zu Problemen bei der Benotung kommen, will Jakob Schroeder zukünftig einen Antrag auf Nachteilsausgleich stellen. Diese Ausgleiche muss er vor den Klausuren beantragen. Im Abitur nahm er diese Hilfe bereits in Anspruch: Er bekam für die Beantwortung der Klausurfragen mehr Zeit und durfte auf einem Notebook schreiben, was ihm leichter fällt als mit der Hand. „Und im Zweifel gibt es ja noch die mündlichen Nachprüfungen, bei denen ich zeigen kann, dass ich den Unterrichtsstoff verstanden habe“, zeigt sich der Student optimistisch.

Bei seinen Kommiliton(inn)en macht Jakob Schroeder gar kein Geheimnis aus seiner Lese- und Rechtschreibschwäche. „Die merken das sowieso schnell – sei es in der Lerngruppe oder wenn wir uns per SMS oder WhatsApp Nachrichten schreiben. Meine sind nie fehlerfrei.“ Gemeine Bemerkungen hat er aber nie erlebt.

Abiturient(inn)en mit Lese- und Rechtschreibschwäche, die ebenfalls studieren wollen, rät Jakob Schroeder, weniger darauf zu achten, ob ein Studienfach für Legastheniker/-innen geeignet ist. Im Vordergrund sollte seiner Meinung nach stehen, dass man Freude am Fach hat. Bei seiner ehrenamtlichen Arbeit im Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie hat er sogar einen Jurastudenten kennengelernt, der naturgemäß viel mit Texten arbeitet. „Mit entsprechender Hilfe kann man alle Studiengänge schaffen“, ist Jakob Schroeder überzeugt.

Demnächst stehen für ihn Praktika an. „Hier setze ich auf persönliche Kontakte statt auf schriftliche Bewerbungen“, so seine Strategie. Seine Praktikumsberichte will er sich korrigieren lassen. „Man muss sich eben rechtzeitig erkundigen, wo man die notwendige Unterstützung bekommen kann.“

Studieren mit einer Sehbehinderung: Eigene Wege finden

Ein Mann arbeitet mit einer Braille-Tastatur.
Foto: Martin Rehm

Susanne Jacobi* hat schon mehrere Studiengänge und Hochschulen kennengelernt. Als Blinde musste sie sich so manches Mal ihre eigenen Lösungen für Probleme suchen.

Nach dem Abitur begann Susanne Jacobi, an der Universität zu Köln die Fächer Slawistik und Allgemeine Sprachwissenschaften zu studieren. „Das hat leider nicht so gut funktioniert, weil in den Sprachwissenschaften viel mit Symbolen gearbeitet wird, die mein Softwareprogramm, das mir Texte vorliest, nicht verarbeiten kann.“ Auch die Dozent(inn)en waren ihr auf Nachfrage keine große Hilfe. Also wechselte sie zu den Fächern Politikwissenschaft, Germanistik und Psychologie. Doch auch dort gab es kaum barrierefreie Texte, „sodass ich mir viele selber einscannen musste“. Für die Bibliotheksrecherche bekam Susanne Jacobi einen Assistenten zur Seite gestellt, der ihr bei der Suche nach Literatur half. Für die Prüfungen beantragte sie einen Nachteilsausgleich und hatte dadurch länger Zeit für die Beantwortungen der Fragen.

Nach der Zwischenprüfung brach die heute 35-Jährige ihr Magisterstudium jedoch ab und absolvierte stattdessen eine Ausbildung zur PR-Beraterin. Neben ihrem Job in einer Agentur und als freiberufliche Beraterin studierte sie dann Betriebswirtschaftslehre an der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie Köln. „Hier hat es viel besser mit den Hilfestellungen geklappt“, erzählt Susanne Jacobi. „Ich erhielt die zu bearbeitenden Texte als digitale Dateien, die Prüfungsfragen standen auf USB-Sticks für mich bereit, und ich durfte die Klausuren auf dem Laptop schreiben.“ Die Statistikprüfung konnte sie an einem gesonderten Termin mündlich absolvieren, weil sie die grafischen Formeln nicht in der Klausur darstellen konnte.

Unterstützung von Kommiliton(inn)en

Mittlerweile arbeitet Susanne Jacobi bei einer Non-Profit-Organisation und gibt dort für Behörden und Kultureinrichtungen Workshops und Schulungen zum Thema Barrierefreiheit. „Da das Thema Bildung mein Schwerpunkt geworden ist, wollte ich gern noch ein pädagogisches Studium absolvieren“, sagt Susanne Jacobi. So schrieb sie sich nebenberuflich an der Alice Salomon Hochschule in Berlin in das Bachelorfach Soziale Arbeit ein. Viele Kurse laufen dabei über Online-Module, einmal im Monat gibt es Präsenzveranstaltungen in Berlin. „Auch hier ist es leider nicht so leicht, von den Dozent(inn)en barrierefreie Unterlagen zu bekommen, so dass ich für die Literaturaufbereitung eigene Assistenzkräfte einsetzen muss. Im Zweitstudium habe ich leider keinen Anspruch mehr auf eine Assistenz an der Hochschule.“

Vor Ort ist es ihr daher sehr wichtig, sich mit anderen Studierenden zu vernetzen. Sie zeigen Susanne Jacobi die Räume, lesen ihr Texte vor oder beschreiben ihr Grafiken. „Man muss einfach eigene Wege finden und sich selber Hilfe organisieren, wo es nötig ist“, so ihr Fazit. Entmutigen lassen will sie sich durch die Hürden an den Hochschulen nicht. „Manches ist umständlicher, und ich brauche ein bisschen länger Zeit. Mein größter Wunsch wäre, dass die Dozierenden mehr Verständnis für unsere Situation hätten und bereit wären, sich über Lösungen zu unterhalten.“

*Name von der Redaktion geändert

Weitere Informationen

Rubrik „Orientieren!“ auf studienwahl.de > Studieren mit Behinderung oder chronischer Erkrankung

Rubrik „Studieren“ bei abi>>

Internetportal „Studieren mit Behinderung“ des Deutschen Studentenwerks

Handbuch „Studium und Behinderung“ der Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung (IBS) des Deutschen Studentenwerks

BERUFE.TV

Im Text genannte Studien, Einrichtungen und Studiengänge:

kombabb-Kompetenzzentrum Behinderung-Studium-Beruf NRW

Hochschule Rhein-Waal

20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks

Sondererhebung „Beeinträchtigt studieren“ des Deutschen Studentenwerks

Bauingenieurwesen an der Universität Stuttgart

Weitere Verbände und Vereine

BAG Behinderung und Studium e.V.

Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e.V. (BVL)

ADHS Deutschland e.V.

Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband e.V.

Deutsche Gesellschaft der Hörgeschädigten - Selbsthilfe und Fachverbände e.V.