Psychologin beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)

Psychologie im All

Schon als Kind war Dr. Amelie Therre (32) von der Raumfahrt begeistert. Zu Beginn ihres Psychologiestudiums hätte sie allerdings nicht gedacht, dass beides einmal zusammenfinden würde. Heute erforscht sie beim DLR, wie Menschen mit den besonderen Bedingungen von Raumfahrtmissionen umgehen – und leitete dafür eine 100-tägige Isolationsstudie.

Foto: DLR
Nach mehr als drei Monaten abgeschottet von der Außenwelt, einem Leben unter strengen Regeln und mit den begrenzten Ressourcen einer Raumfahrtmission freuten sich die sechs Männer und Frauen der Isolationsstudie SOLIS100, die das DLR in Köln für die Europäische Weltraumorganisation ESA durchgeführt hat.

Sechs Menschen lebten 100 Tage lang unter Bedingungen, die denen an Bord einer Raumstation möglichst nahekommen sollen. Sie waren von der Außenwelt abgeschottet, teilten sich einen begrenzten Lebensraum und absolvierten ein umfangreiches wissenschaftliches Programm. Dr. Amelie Therre koordinierte als Projektleiterin der ESA-Studie SOLIS100 die Abläufe und untersuchte, wie Menschen mit Isolation und den besonderen Bedingungen einer Raumfahrtmission umgehen.

Die 32-Jährige kümmerte sich dabei nicht nur um psychologische Fragestellungen. Sie koordinierte wissenschaftliche Teams, stimmte sich mit der Europäischen Weltraumorganisation ESA ab, organisierte (Verhaltens-)Trainings und sorgte gemeinsam mit ihrem Team dafür, dass die technischen, ethischen und organisatorischen Voraussetzungen für die Studie erfüllt waren. Die Vorbereitungen für SOLIS100 liefen über mehrere Jahre. 2025 gab es bereits eine achttägige Pilotstudie, 2026 folgte die 100-tägige Isolationsstudie.

  • Ein Porträt-Foto von Dr. Amelie T.

    Die Raumfahrt ist eher ein Anwendungsgebiet von Naturwissenschaft, wenn man so will.

    Dr. Amelie Therre, Psychologin beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt

Von der Psychologie zur Raumfahrt

Dass ausgerechnet eine Psychologin eine solche Studie leitet, zeigt, wie vielfältig die Arbeit rund um Raumfahrt sein kann. Obwohl sich Dr. Amelie Therre schon für das Weltall interessierte, konnte sie sich zunächst nicht vorstellen, wie sich beides beruflich verbinden ließe. Erst bei der Suche nach einem Praktikumsplatz stieß sie auf die Abteilung für Luft- und Raumfahrtpsychologie des DLR.

Ihr erstes Praktikum absolvierte Amelie Therre am Standort Hamburg. Später ging es nach Köln zur Abteilung für Schlaf und Humanfaktoren. Für ihre Masterarbeit arbeitete sie an einer NASA-Bed-Rest-Studie mit, bei der die Auswirkungen von Schwerelosigkeit simuliert wurden. Während ihrer Promotion setzte sie die Arbeit mit dem DLR fort. Als eine Stelle in der Abteilung für Luft- und Raumfahrtpsychologie frei wurde, bekam sie die Möglichkeit, dort als Projektleiterin einzusteigen.

Was macht eine Raumfahrtpsychologin?

Bei SOLIS100 ging es um eine Frage, die für künftige Langzeitmissionen immer wichtiger wird: Wie kommen Menschen mit Isolation, eingeschränktem Platz und extremen Bedingungen zurecht? Bei einer möglichen Reise zum Mars etwa müssten Astronaut*innen über mehrere Jahre in einem kleinen Team auf engem Raum zusammenleben. Die Studie untersuchte deshalb unter anderem wie sich die Isolation auf die psychische Gesundheit, die kognitive Leistungsfähigkeit und den Zusammenhalt der Gruppe auswirkt. Gleichzeitig wurden biologische Daten erhoben und verschiedene Stressparameter untersucht. Bereits die achttägige Pilotstudie hatte gezeigt, welche Herausforderungen das Zusammenleben auf engem Raum mit sich bringen kann: Die Teilnehmenden entwickelten zwar einen starken Gemeinschaftssinn, zugleich fehlten ihnen jedoch Rückzugsmöglichkeiten. Auch der eingeschränkte Kontakt zu Familie und Freund*innen erwies sich als belastend. 

Dr. Amelie Therre arbeitet mit Wissenschaftler*innen aus unterschiedlichen Fachrichtungen zusammen. Neben der Projektleitung beschäftigte sie sich in ihrer eigenen Forschung unter anderem mit Augenbewegungen und visueller Suche unter simulierter Schwerelosigkeit. Dabei untersuchte sie, wie Menschen unter diesen Bedingungen relevante Informationen wahrnehmen und finden. In einem weiteren Projekt erforschte sie gemeinsam mit der TU Dresden, wie sich veränderte Schwerkraft auf Orientierung und räumliche Wahrnehmung auswirken kann.

Ein ungewöhnlicher Weg in die Raumfahrt

Die Aufgaben von Amelie Therre sind vielfältig. Zu ihrem Arbeitsalltag gehört es, Forschungsprojekte durchzuführen und zu koordinieren, Daten zu analysieren, Förderanträge zu stellen und wissenschaftliche Beiträge zu veröffentlichen. Hinzu kommen die Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen sowie – je nach Projekt – die Auswahl und Betreuung von Astronaut*innen. Für SOLIS100 führte sie beispielsweise selbst Telefoninterviews mit Bewerber*innen.

Wer in der Raumfahrtpsychologie arbeitet, ist in erster Linie Wissenschaftler*in. Dabei steht die psychologische Forschung im Kontext der Raumfahrt im Mittelpunkt. 

Ein kleiner Teil für eine große Mission

Für Dr. Amelie Therre liegt genau in dieser Verbindung der Reiz ihres Berufs. Sie möchte dazu beitragen, die Bedeutung medizinischer und psychologischerer Forschung für künftige Missionen sichtbar zu machen. Denn wenn Menschen eines Tages zum Mars fliegen, geht es nicht nur darum, Raketen und Raumfahrzeuge zu bauen. Ebenso wichtig ist die Frage, wie die Besatzung eine solche Reise körperlich und psychisch bewältigen kann.

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Stand: 02.11.2026