Auslandserfahrung

Studieren in Frankreich

Eiffelturm bei Nacht
Foto: Manuela Meier

Kilian Engelke (23) studiert Chemie an der Technischen Universität (TU) Dresden. Zwei der fünf Jahre seines Bachelor- und Masterstudiums verbrachte er an einer Partnerhochschule in Straßburg. Dort lernte er neben dem französischen Studentenleben auch die Unterschiede zum deutschen Hochschulsystem kennen.

„Im dritten Semester hörte ich das erste Mal von der Möglichkeit eines Doppelstudiums in Deutschland und Frankreich“, erinnert sich Kilian Engelke. „Für mich war das eine interessante Alternative zum Erasmus-Programm.“ Also entschied er sich dazu, vom fünften bis achten Semester die Partneruniversität der Technischen TU Dresden „École européenne de chimie, polymères et matériaux“ in Straßburg zu besuchen. Die TU Dresden gehört zum Netzwerk der Deutsch-Französischen Hochschule, die ihren Studierenden die Gelegenheit gibt, in zwei Ländern zu studieren. „Ich hatte seit dem siebten Schuljahr Französisch und habe im vierten Semester einen Grundkurs zum Auffrischen der Sprache absolviert. Damit fühlte ich mich sprachlich ganz gut vorbereitet“, erzählt der Chemiestudent.

Die Studierenden aus beiden Ländern kamen mit unterschiedlichen Voraussetzungen nach Straßburg: Die Französinnen und Franzosen hatten sich zwei Jahre lang in Classes préparatoires vorbereitet, bevor sie die Grande École besuchen durften. Dort haben sie neben Chemie auch andere Naturwissenschaften kennengelernt. „Durch mein zweijähriges Chemiestudium in Deutschland waren mir die Inhalte mancher Fächer, die den Französinnen und Franzosen neu waren, schon bekannt, zum Beispiel im Bereich der organischen Chemie“, sagt Kilian Engelke. Andere Fächer, wie Polymerchemie und Materialwissenschaften, waren dagegen für fast alle Neuland.

Unterschiede in der Lehre

Neben den landestypischen Gepflogenheiten unterscheidet sich auch das französische Studiensystem vom deutschen. „Während man in Deutschland ein Semester lang verschiedene Vorlesungen besucht und am Semesterende Klausuren schreibt, hatten wir in Straßburg Blockunterricht: Auf jede abgeschlossene Lehreinheit folgte eine Klausur, bevor es an den nächsten Block ging“, erzählt Kilian Engelke. Den Arbeitsaufwand empfand der Student dadurch als deutlich höher. Fast jeden Tag fand von 8 bis 17 Uhr Unterricht statt. Anfangs wurde das Studium größtenteils in Englisch abgehalten, später wechselten die Dozenten ins Französische.

„Außerdem empfinde ich das französische Studium viel verschulter als bei uns“, erklärt der Dresdner Student. „Im ersten Jahr hatten wir feste Stundenpläne und keinerlei Wahlfächer. Im zweiten Jahr konnten wir einen Schwerpunkt wählen, bekamen aber auch hier einen festen Stundenplan.“ In Deutschland haben die Studierenden laut Kilian Engelke dagegen viel mehr Wahl bei ihren Fächern. Auch das Arbeiten und Präsentieren in Kleingruppen war für den Deutschen neu. Was ihm gut gefallen hat: „Durch die feste Klasse habe ich meine Kommilitonen viel besser kennengelernt als in Deutschland, wo man in den Vorlesungen immer wieder andere Studierende trifft.“

Vielfältige finanzielle Förderung

Die Finanzierung seines Aufenthalts bereitete Kilian Engelke nur wenig Probleme: Im ersten Jahr erhielt er Auslands-BAföG, im zweiten Jahr dann ein Erasmus-Stipendium. Über beide Jahre zahlte die Deutsch-Französische Hochschule ein Stipendium in Höhe von 300 Euro monatlich, hinzu kam Wohngeld für die Wohnheimmiete aus dem französischen Familienzulagenfonds CAF.

Mittlerweile ist der 23-Jährige zurück in Deutschland und führt sein Masterstudium in Chemie fort. Er würde gern nochmal ins Ausland gehen, sei es in die Forschung oder über ein Traineeprogramm eines Unternehmens. Einer Sache ist er sich jedoch schon jetzt sicher: „Auf jeden Fall eröffnet mir mein deutsch-französischer Doppelabschluss mehr Möglichkeiten als ein deutscher Abschluss allein.“

Interview: Bewerben, wohnen, finanzieren

Worauf müssen Studierende vor ihrem Auslandsstudium in Frankreich achten? Was ist besonders wichtig? studienwahl.de sprach mit Laurent Boltz, Studienberater bei Campus France Deutschland, dem Beratungsbüro für Studienangelegenheiten der französischen Botschaft.

studienwahl.de: Herr Boltz, wie bewerbe ich mich, wenn ich nur ein paar Semester in Frankreich studieren möchte?

Ein Porträt-Foto von Laurent Boltz
Foto: privat

Laurent Boltz: In diesem Fall sucht man sich am besten eine deutsche Hochschule, die mit einer französischen Hochschule kooperiert. Hier kommt entweder das Netzwerk Deutsch-Französische Hochschule infrage, bei dem man binational studieren und einen Abschluss aus beiden Ländern erhalten kann, oder das Programm Erasmus+, über das an den meisten deutschen Hochschulen ein Austausch nach Frankreich möglich ist.

studienwahl.de: Wie läuft die Bewerbung für einen Vollzeit-Studienplatz in Frankreich ab?

Laurent Boltz: Bei den meisten Studiengängen, vor allem an den öffentlichen Universitäten, erfolgt das Bewerbungsverfahren über das Online-Portal Parcoursup, das im vergangenen Jahr eingeführt wurde. Im Portal kann man zwischen Ende Januar und Mitte März bis zu zehn Wunsch-Studiengänge auswählen. Dazu müssen die Zeugnisse der letzten Schuljahre sowie ein Motivationsschreiben hochgeladen werden. Außerdem ist ein bestimmtes französisches Sprachniveau verpflichtend, je nach Studiengang zwischen B2 und C1. Ab Mitte Mai erhält man dann im besten Fall eine Zusage. Bei privaten Hochschulen muss man sich in der Regel direkt bewerben.

studienwahl.de: Wie kann man ein Studium in Frankreich finanzieren?

Laurent Boltz: Die staatlichen Hochschulen in Frankreich erheben Studiengebühren in Höhe von etwa 175 Euro pro Jahr für Bachelorstudierende, hinzu kommen gut 90 Euro für das Studierendenwerk. An privaten Hochschulen kann es teilweise deutlich teurer werden.

Studierende der Deutsch-Französischen Hochschule haben die Chance auf ein Stipendium im Wert von 300 Euro pro Monat. Wer mit Erasmus+ ins Ausland geht, wird zusätzlich bezuschusst und es entfallen die Studiengebühren. Auch Auslands-BAföG oder ein Stipendium der Begabtenförderungswerke ist unter gewissen Voraussetzungen möglich. Zudem hat jeder Studierende Anspruch auf Wohngeld, das etwa ein Drittel der Mietkosten abdeckt.

studienwahl.de: Wie findet man eine Wohnung am französischen Studienort?

Laurent Boltz: Es gibt öffentliche Wohnheime, die aber vorrangig für Masterstudierende, Doktoranden oder Erasmus-Studierende vorgesehen sind. Für andere deutsche Studierende ist es schwierig, hier einen Platz zu bekommen. Darüber hinaus gibt es zahlreiche private Wohnheime, die etwas teurer sind, aber immer noch günstiger als individuelle Wohnungen. Natürlich kann man sich auch eine WG oder eine Privatwohnung suchen. Auch für diese gilt das oben genannte Wohngeld.

Hintergrund: Studieren in Frankreich

„Vive la France!“ Jahr für Jahr entscheiden sich laut Statistischem Bundesamt über 6.000 deutsche Studierende dazu, mindestens ein Semester an einer französischen Hochschule zu absolvieren. Damit ist Frankreich eines der beliebtesten Länder für studienbedingte Auslandsaufenthalte der Deutschen.

„Rund 5.000 deutsche Studierende gehen jährlich über das Erasmus-Programm nach Frankreich“, weiß Dr. Christian Thimme, Erasmus-Beauftragter und Leiter der Pariser Außenstelle des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. „Etwa 5.900 französische Studenten sind zeitgleich in Deutschland.“ Eine weitere Möglichkeit, einige Semester in Frankreich zu verbringen, ist einen der rund 180 integrierten Studiengänge mit Doppelabschluss zu wählen, der von der Deutsch-Französischen Hochschule (DFH), einem Netzwerk aus deutschen und französischen Hochschulen, gefördert wird. „Und dann besteht noch die Möglichkeit, Vollzeit in Frankreich zu studieren – das machen derzeit rund 1.500 Deutsche“, sagt Christian Thimme.

Ein Porträt-Foto von Christian Thimme
Foto: privat

Wer sich für ein Studium in Frankreich interessiert, sollte sich vorab über die Studienmodalitäten informieren. Das französische System zeichnet sich durch seine strukturelle Vielfalt aus. Im Hochschulbereich sind verschiedene Akteure zu finden: Neben Universitäten gibt es Grandes Écoles für eine gezielte Ausbildung von Führungskräften in bestimmten Bereichen, Instituts Universitaires de Technologie (fachhochschulartige Einrichtungen) sowie Kunst-, Musik- und Architekturhochschulen. Insgesamt sind es rund 4.000 Einrichtungen – etwa 2.000 staatliche und 2.000 private.

Der Wettbewerb um die Plätze in einer Grande École ist hoch, französische Studierende besuchen vorab zweijährige Vorbereitungsklassen, ehe sie sich mit der bestandenen Abschlussprüfung für ein Elitestudium qualifizieren.

Rechtzeitige Planung von Vorteil

Das Äquivalent zum Bachelor ist in Frankreich die Licence. Als weiterführender Abschluss dient der auch bei uns bekannte Master. Semester gibt es nicht. Stattdessen wird in Studienjahren gerechnet, die von Oktober bis Mai laufen. „Über Erasmus und die DFH werden in Frankreich erbrachte Studienleistungen zurück in Deutschland problemlos anerkannt“, erklärt Christian Thimme. Der DAAD-Experte gibt den Rat, sich frühzeitig um den Auslandsaufenthalt zu kümmern, denn ein Studium in Frankreich will gut geplant sein. „Während des Auslandssemesters müssen sich Studierende auf mehr Frontalunterricht einlassen, als sie es wahrscheinlich von zu Hause gewohnt sind“, so Christian Thimme. „Es wird viel auswendig gelernt und meist weniger diskutiert – auch im Masterstudium und während der Promotion.“

Weitere Informationen

studienwahl.de

Informationen zum Studium im Ausland
www.studienwahl.de/studieninfos/studieren-im-ausland 

berufsfeld-info

Infoportal der Bundesagentur für Arbeit zu Ausbildung, Studium und Weiterbildung
www.berufsfeld-info.de

Hochschulkompass

Informationen über deutsche Hochschulen, deren Studien- und Promotionsmöglichkeiten sowie internationale Kooperationen
www.hochschulkompass.de

Deutscher Akademischer Austauschdienst e.V. (DAAD)

Deutsch-Französische Hochschule

Parcoursup

Online-Portal zur Bewerbung um einen Studienplatz in Frankreich
https://www.parcoursup.fr

CROUS

Plattform zur Bewerbung um einen Wohnheimplatz in Frankreich
www.messervices.etudiant.gouv.fr/envole

Campus France Deutschland

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