
„Die Raumfahrt ist ein sehr interdisziplinäres Feld“
Prof. Dr. Niklas Kochdumper ist Professor für Spacecraft Control an der Technischen Universität München (TUM). Sein Weg in die Raumfahrt führte über Maschinenwesen, Robotik und Informatik. Im Interview erklärt er, welche Fachrichtungen in der Raumfahrt gefragt sind, welche Rolle künstliche Intelligenz (KI) spielt und welche Kompetenzen künftig wichtig werden.
Herr Professor Kochdumper, Sie haben keinen klassischen Werdegang in der Luft- und Raumfahrttechnik. Wie sind Sie zu Ihrem heutigen Fachgebiet gekommen?
Ich habe im Bachelor Maschinenwesen an der TUM studiert. Da ich schon immer raumfahrtbegeistert war, habe ich überlegt, ob ich meinen Schwerpunkt eher auf Robotik oder auf Luft- und Raumfahrttechnik legen sollte. Ich habe mich dann für Robotik entschieden und auch meinen Master in diesem Bereich gemacht. Danach habe ich in Informatik promoviert und war Professor für Elektrotechnik an der Technischen Hochschule Ingolstadt. Mit der Professur für Spacecraft Control hat sich der Kreis für mich wieder geschlossen.
Welche Fachrichtungen bieten neben der klassischen Luft- und Raumfahrttechnik einen Zugang zur Branche?
Ich denke da vor allem an technische Studiengänge: Robotik und Automatisierung werden immer wichtiger, Elektrotechnik natürlich auch. Mathematik, Physik, Informatik und Maschinenbau sind ebenfalls relevant. Man kann es aber noch weiter fassen. Bei uns am Campus gibt es beispielsweise die Professur für Human Spaceflight Technology, die sich unter anderem mit Biologie beschäftigt. Da geht es etwa darum, Algen zu züchten, um im Weltraum Sauerstoff für Astronauten herzustellen. Auch Medizin und Psychologie spielen eine Rolle, gerade bei der bemannten Raumfahrt.
Womit beschäftigt sich Ihr Bereich der Raumfahrzeugkontrolle konkret?
Eine Hauptanwendung ist die Manöverplanung für Raumfahrzeuge. Wir planen beispielsweise Orbits, also Flugbahnen, und Bahnwechsel. Es geht auch um das Andocken an Raumstationen oder das Auftanken von Satelliten. Bei großen Satellitenkonstellationen müssen die Raumfahrzeuge außerdem bestimmte Abstände zueinander einhalten. Das zu koordinieren, gehört auch zur Raumfahrzeugkontrolle.
Welche Rolle spielt KI dabei?
Die Zahl der Raumfahrzeuge wird in Zukunft zunehmen. Deshalb werden autonome Systeme wichtiger. KI könnte zunehmend Aufgaben bei der Steuerung übernehmen. Allerdings stehen wir da noch relativ am Anfang. Gerade wenn Menschen an Bord sind, gelten hohe Sicherheits- und Zertifizierungsanforderungen. Ein großes Problem ist, dass man bei KI häufig nicht genau weiß, was sie gelernt hat und warum sie eine bestimmte Entscheidung trifft. Daran wird auch geforscht.
Wird KI dadurch zum Risiko für Arbeitsplätze in der Raumfahrt?
Ich glaube nicht, dass KI in den nächsten zehn Jahren alle Aufgaben übernehmen wird. Autonome Systeme werden wichtiger, aber dafür braucht man Menschen, die sie entwickeln. Ich sehe deshalb gerade in diesem Bereich einen wachsenden Bedarf an Fachkräften. Raumfahrtsysteme sind sehr teuer, und im schlimmsten Fall geht es auch um Menschenleben. Da muss man genau abwägen, welche Risiken man eingeht. Menschen werden deshalb auch in Zukunft sehr wichtig sein.
Welche Kompetenzen werden in zehn Jahren besonders gefragt sein?
Wichtig ist, dass man lebenslang weiterlernt. Ein Studium vermittelt ein mathematisch-technisches Grundverständnis und zeigt, wie man Probleme angeht und effizient lernt. Das reicht aber nicht für das ganze Berufsleben. Ich glaube, dass ein breiter, interdisziplinärer Überblick künftig wichtiger wird. Man sollte nicht nur auf ein sehr spezialisiertes Fachgebiet schauen, sondern auch das große Ganze verstehen. Mit KI kann man sich dann bei Bedarf schneller Spezialwissen aneignen.
Warum ist es wichtig, über die Grenzen des eigenen Fachgebiets hinauszuschauen?
Die Raumfahrt ist ein sehr interdisziplinäres Feld. Man braucht Wissen aus verschiedenen Fachrichtungen. Wer versteht, wie unterschiedliche Bereiche zusammenhängen, kann sich auch besser in neue Themen einarbeiten.
Was würden Sie jungen Menschen raten, die sich für die Raumfahrt interessieren?
An der TUM gibt es beispielsweise den Space Day in Ottobrunn. Das ist eine gute Möglichkeit, den Campus und die verschiedenen Lehrstühle kennenzulernen. Dort kann man sehen, welche Richtungen es gibt: von Human Spaceflight Technology, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht, über Robotik und Control bis hin zu Raketenantrieben. So bekommt man einen guten Einblick in die Vielfalt der Raumfahrt.
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