
„Hilfe anzunehmen ist eine Stärke“
Josia Topf studiert im neunten Semester Jura an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen. Er hat das TAR-Syndrom, kam ohne Arme, ohne Kniegelenke und mit unterschiedlich langen Beinen zur Welt. Neben seinem Jurastudium schwimmt er Weltrekorde und sammelt paralympische Medaillen. Sein Motto: „Geht nicht, gibt’s nicht!“
Herr Topf, brauchen Sie im Studium aufgrund Ihrer Behinderung Unterstützung?
Ja, ich bin im Alltag, an der Universität und auch in Prüfungen auf Unterstützung angewiesen. Im täglichen Uni-Leben helfen mir häufig Kommilitoninnen und Kommilitonen bei praktischen Dingen. In Klausuren arbeite ich mit einer Schreibkraft, der ich diktiere. Die Finanzierung konnte ich beim zuständigen Bezirk beantragen.
Nutzen Sie auch einen Nachteilsausgleich?
Ja, ein Nachteilsausgleich steht mir ebenfalls zu, da das Diktieren besondere organisatorische Rahmenbedingungen erfordert. Er sorgt dafür, dass faire Prüfungsbedingungen geschaffen werden, ohne inhaltliche Maßstäbe zu verändern.
Warum haben Sie sich für ein Jurastudium entschieden?
Mich reizt an diesem Fach vor allem das Verständnis für Strukturen: Wer Dinge verändern möchte, muss zunächst begreifen, wie sie funktionieren. Das Recht bildet das Fundament unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Zudem schätze ich die Präzision und analytische Tiefe des Studiums.
Nebenbei gewinnen Sie Weltmeisterschaften im Schwimmen und paralympische Medaillen. Wie vereinbaren Sie den Spitzensport mit Ihrem Jurastudium?
Es ist ein permanentes Priorisieren. Ich benötige mehr Zeit als andere Studierende, weil sich Trainings- und Prüfungstermine nicht immer deckungsgleich organisieren lassen. Die Universität unterstützt mich, etwa durch flexible Lösungen oder digitale Formate. Letztlich bleibt es jedoch eine Frage von Disziplin, Organisation und der Bereitschaft, auch Umwege in Kauf zu nehmen.
Bleibt da überhaupt noch Zeit für Studentenpartys und das typische Studentenleben?
Das klassische Studentenleben mit spontanen Partys erlebe ich nur sehr eingeschränkt. Natürlich ist das manchmal schade. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass meine sportliche Karriere zeitlich begrenzt ist. Diese Phase möchte ich konsequent nutzen. Den sozialen Austausch suche ich dennoch, etwa bei einem Kaffee mit Kommilitonen. So entsteht auf andere Weise ein studentisches Lebensgefühl.
Wie reagieren die anderen Jurastudierenden darauf, dass sie einen so berühmten Kommilitonen haben?
Ich habe den Eindruck, dass viele mich schlicht als Mitstudenten wahrnehmen. In der Universität steht nicht der Sportler im Vordergrund, sondern der Kommilitone. Und das ist mir auch wichtig. Ich definiere mich nicht ausschließlich über Erfolge im Becken, sondern über das, was ich täglich leiste wie jeder andere auch.
Ihr Motto ist: „Geht nicht, gibt’s nicht“. Gibt es trotzdem etwas, das nicht geht?
Ich muss mir von morgens bis abends helfen lassen. Ich bin schwerbehindert und habe ein „H“ für hilflos im Ausweis – berechtigterweise. Aber mein Motto beschreibt eine innere Haltung, keinen objektiven Zustand. Wie schon gesagt, bin ich im Alltag auf vielfältige Unterstützung angewiesen. „Geht nicht, gibt’s nicht“ bedeutet für mich: Ich teste meine Grenzen, bevor ich sie akzeptiere. Es ist eine Entscheidung gegen vorschnelle Selbstbegrenzung und für Eigenverantwortung. Hilfe anzunehmen ist dabei kein Widerspruch, sondern Teil von Stärke. Hätten Sie mich als kleines Kind kennengelernt, das nicht einmal eine Tür öffnen konnte, hätten Sie wohl auch nicht daran geglaubt, dass ich einmal mit meinem eigenen Auto vorfahre.
Welche beruflichen Ziele haben Sie?
Langfristig möchte ich beruflich Verantwortung übernehmen und Menschen unterstützen, sei es in einer eigenen Kanzlei oder in einer beratenden Funktion. Ich habe in meinem Leben viel Unterstützung erfahren. Etwas davon an meine Familie und an andere Menschen zurückzugeben, ist für mich kein Nebenziel, sondern ein innerer Auftrag.
Über Josia Topf:
Josia Topf ist 23 Jahre alt und Parasportler des Jahres 2025. Bei den Paralympischen Spielen in Paris 2024 gehörte er zu den erfolgreichsten deutschen Athleten und gewann einen kompletten Medaillensatz. Bei der Schwimm-WM in Singapur 2025 stand er vier Mal auf dem Treppchen, holte unter anderem Gold über 150 Meter Lagen und 50 Meter Freistil. Seit Mai 2026 ist er neben seiner sportlichen Karriere und seinem Jurastudium zudem gewähltes Stadtratsmitglied in Erlangen.
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