„Ich wollte das Studium rocken!“

Friederike D. sieht man nicht an, dass sie eine chronische Erkrankung hat. Die 29-Jährige studiert im achten Semester Medizin an der Uni Jena. Das erste Staatsexamen hat sie inzwischen in der Tasche. Trotz vieler Hürden kämpft sie nun darum, auch den Rest des Studiums zu schaffen.

Foto: Andriy Popov | PantherMedia | Bundesagentur für Arbeit
Spielfiguren in verschiedenen Farben sind in einem kleinen Kreis angeordnet. Zwei Handflächen befinden sich parallel zum Kreis und begrenzen ihn so nach außen.

Die Doktorarbeit, die man im Medizinstudium oft während des Studiums schreibt, musste Friederike abbrechen. „Das hat mir sehr wehgetan“, erinnert sie sich an die Zeit vor drei Jahren. „Ich hatte ein super Team, und das Thema hat mich wirklich sehr interessiert, aber irgendwann habe ich gemerkt: Ich schaffe das nicht mehr.“

Die 29-Jährige leidet seit ihrer Jugend an einer Mastozytose. Zudem ist sie Autistin. „Der Autismus behindert mich im Alltag nicht wirklich“, meint sie. Ist es im Hörsaal zu laut, setzt sie Kopfhörer auf. Anders ist es mit der Mastozytose. Bei dieser seltenen Erkrankung kommt es zu einer Anhäufung von Mastzellen in der Haut und den inneren Organen. Die Symptome betreffen den ganzen Körper. Bei Friederike äußert sich das in langen Krankheitsphasen mit stärkster Müdigkeit und Übelkeit, in Nahrungsmittelunverträglichkeiten und der ständigen Sorge, sich mit einem Infekt anzustecken, der die Krankheit verschlimmert. Langes Stehen und körperliche Anstrengung fallen ihr schwer. 

„Mein Studium musste ich krankheitsbedingt oft pausieren“, sagt sie bedauernd. Zwei Jahre lang konnte sie nur im Bett liegen, immer wieder stellte sie sich die Frage, ob sie weiterstudieren soll. Nach einem Infekt mit starker Atemnot war sie kurz davor, alles hinzuschmeißen. Ihre Kommiliton*innen waren es schließlich, die ihr Mut machten, sie wieder aufbauten und meinten: „Bist du verrückt?“ Als es ihr besser ging, wandte sie sich an die Studierendenberatung, die Sozialberatung und die Rechtsberatung – „an alles, was auf -beratung endete“ – und kam nach vielen Gesprächen zu dem Schluss, dass eine Ausbildung für sie keine Alternative ist. Auch diese wäre mit vielen Hürden verbunden gewesen. „Die paar Semester werde ich noch schaffen“, sprach sie sich selbst Mut zu. 

Schon häufig geholfen hat ihr auch das Diversitätsbüro der Hochschule, etwa wenn sie nicht alle Seminare mit Anwesenheitspflicht besuchen kann. „Ich darf die Klausur nicht mitschreiben, wenn ich nicht mindestens 85 Prozent der Zeit anwesend war, aber immerhin habe ich erreicht, dass ich nicht mehr das ganze Fach wiederholen muss“, berichtet die Studentin von kleinen Siegen.

  • Ein Porträt-Foto von Friederike D.

    Seit 2020 muss ich mich zunehmend damit abfinden, alles deutlich langsamer anzugehen, mein Leben der Erkrankung anzupassen und nicht zu versuchen, mich in Strukturen zu pressen, in die ich von meinen Kräften her nicht mehr hineinpasse.

    Friederike D., Studierende der Humanmedizin

Wunschstudienplatz und Stipendium

Zu Beginn ihres Studiums hatte Friederike nicht damit gerechnet, dass solche Hürden auf sie warten würden. Ihre Krankheit wurde diagnostiziert als sie 14 war. Sie war häufig krank, fehlte oft im Unterricht. Die Diagnose brachte zunächst Erleichterung: Friederike erhielt eine Antikörperbehandlung, mit der sie sechs Jahre lang nahezu symptomfrei war. Sie konnte wieder normal zur Schule gehen, machte ein Spitzenabitur und bekam den Wunschstudienplatz an der Universität Jena sowie ein Stipendium beim Evangelischen Studienwerk Villigst. „Ich war vorher einmal in Jena, die Stadt hat mir gefallen“, erinnert sie sich. Da sie sich gesund fühlte, machte sie sich keine Gedanken darüber, die Hochschule auch nach Aspekten der Barrierefreiheit auszuwählen. „Ich wollte das Studium rocken, habe für das Fach gebrannt“.

Ins Leben zurückgekämpft

Drei Jahre lang lief dank Antikörperbehandlung alles problemlos. Dann verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand. 2019 hatte sie eine Hirnhaut- und Gehirnentzündung, konnte kaum mehr laufen oder sprechen und musste sich ins Leben zurückkämpfen. „Seitdem geht es mir deutlich schlechter“, sagt Friederike. Dennoch schaffte sie das erste Staatsexamen. „Seit 2020 muss ich mich zunehmend damit abfinden, alles deutlich langsamer anzugehen, mein Leben der Erkrankung anzupassen und nicht zu versuchen, mich in Strukturen zu pressen, in die ich von meinen Kräften her nicht mehr hineinpasse.“

Sie hat sich mit anderen behinderten Studierenden vernetzt und erfahren, dass es oft sehr hilfreich ist, sich direkt an die Lehrenden zu wenden. Wenn sie jetzt eine Pflichtveranstaltung etwa im Labor, hat, schreibt sie vorher den Dozenten an, informiert ihn darüber, dass sie nicht lange stehen kann, und bittet um einen Stuhl. „In 80 Prozent der Fälle klappt das“, hat sie festgestellt. „Viele Dozenten sind wirklich kulant und interessieren sich dafür, wie sie helfen können.“ Wenn sie an einer Vorlesung nicht teilnehmen kann, stellen ihr manche die Online-Vorlesung aus der Corona-Zeit zur Verfügung, sodass sie den Stoff zu Hause lernen kann. 

„Insgesamt bin ich durchaus privilegiert“, meint Friederike. Immerhin habe sie ein Stipendium und müsse sich deshalb um die Finanzierung ihres Studiums keine Sorgen machen. Außerdem hat sie einen Partner, der ihr bei vielen alltäglichen Problemen zur Seite steht und  sich etwa ums Kochen und Einkaufen kümmert.

Jungen Menschen mit Behinderung, die studieren wollen, empfiehlt sie: „Wenn möglich, immer bei den Wunschunis anfragen und Gespräche zu Inklusionsangeboten führen – das ist heutzutage ja problemlos online möglich.“ Sie hat festgestellt: „Nicht überall, wo barrierefrei draufsteht, ist barrierefrei drin. Die Grundhaltung der Studierendenberatung und auch die Existenz von Diversitätsbüros oder anderen Anlaufstellen geben aber schon mal ein gutes Gefühl dafür, ob die jeweilige Uni die richtige Wahl ist.“ Außerdem rät sie dazu, im Vorfeld in Kontakt mit Fachschaften zu treten und sich mit anderen Studierenden mit Einschränkung zu vernetzen. Sie findet: „Jeder Mensch hat das Recht, für seine Träume und Existenz zu kämpfen, auch wenn das manchmal für andere unbequem ist oder man manchen Menschen damit auf die Füße tritt.“

Beispiele aus der Praxis: Studieren mit Behinderungen oder chronischer Erkrankung

Stand: 01.06.2026